Corona, Kontaktsperre, ganz Deutschland hält Abstand – und ist sich doch so nah wie nie zuvor: Wir laden zu virtuellen Meetings in unsere Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer – fünf, sechs, sieben Mal am Tag mindestens. Videokonferenzen helfen uns dabei, die berufliche Normalität aufrechtzuerhalten. Gelingt das? Zum Teil würde ich sagen. Das analoge Leben lässt sich nicht so leicht ins Netz kopieren. Wir merken auch: So manches läuft digital besser, effizienter, nachhaltiger. COVID-19 zwingt sehr viele Menschen gerade dazu, sich intensiv mit den Möglichkeiten der digitalen Zusammenarbeit auseinanderzusetzen. Ein komplettes Roll-Back wird es nicht geben, die Arbeitswelt wird nach der Krise eine andere sein. Was wird bleiben? Fünf Gedanken:

Der neue digitale Werkzeugkasten

Alles, was bislang in den Meetingräumen der Republik passierte, findet nun gar nicht, per Telefon oder in virtuellen Räumen statt. Brainstorms, Besprechungen, Verhandlungen, Verkaufspräsentationen etc. – Deutschland improvisiert, und musste sich sehr schnell die richtige technische Ausstattung dafür besorgen.

Laptop, Smartphone, Slack, Zoom* und ein Thoughtful Working-Ansatz mit beliebig vielen Home-Office-Tagen gehört für uns als Tech-Agentur zum Standard-Setup für alle Mitarbeiter – wir sind aber die Ausnahme. Laut dem Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bot vor der Krise nur ein Viertel der deutschen Unternehmen zumindest einem Teil seiner Beschäftigten die Möglichkeit, zu Hause oder unterwegs zu arbeiten.

Büroarbeiter tun dies nun zum überwiegenden Teil und die Nutzerzahlen vor allem bei Videokonferenzdiensten sind explodiert. Während einige Tools mit dem Ansturm zu kämpfen haben und instabil laufen, gewinnen andere durch ihre Nutzerfreundlichkeit neue Fans. Zumindest Videomeetings werden sich nach der Krise neben E-Mail als digitales Massentool etabliert haben. Collaboration-Plattformen wie Slack sehen ebenfalls einen Anstieg der Nutzerzahlen – und auch diesen schnellen, direkten, barrierefreien Austausch werden viele im Büro nicht mehr missen wollen.

Was die Krise leider auch nochmal sehr deutlich macht: Der limitierende Faktor für New Work sind nicht fehlende Applikationen oder eine mangelnde Bereitschaft der Menschen, diese auszuprobieren. Der limitierende Faktor ist die fehlende Bandbreite unserer Netze. Mit einem Anteil an Glasfaser-Anschlüssen von 3,6 Prozent im März 2020 ist Deutschland immer noch ganz weit hinten auf der Liste der OECD-Länder.

Videomeetings for Future

Menschen, die heute New Work-Tools erleben, werden sich morgen sehr gut überlegen, ob das nächste Meeting wirklich persönlich stattfinden muss. Verlorene Reisezeit und hohe Reisekosten, die schwelende Unsicherheit nach einer Lockerung der Kontaktsperre sich doch noch anzustecken und ein latent schlechtes Gewissen aufgrund des persönlichen CO2-Fußabdrucks könnten zu einer deutlich geringeren Reisetätigkeit der deutschen und auch internationalen Wirtschaft führen. Angesichts der Klimakatastrophe wäre uns allen eine solche Entwicklung zu wünschen.

 

 

Vielen von uns wird gerade klar, was per Videomeeting alles möglich ist. Einstellungsgespräche klappen auch wunderbar über eine Remote-Verbindung. Ja, ein persönliches Treffen ist schön, die „Chemie“ zwischen den Parteien lässt sich besser erspüren und BewerberInnen können die Atmosphäre beim potenziellen Arbeitgeber besser aufsaugen – aber muss dafür jede/r KandidatIn wirklich durch die Republik reisen? Unsere Kundin und Country Managerin von LinkedIn, Barbara Wittmann, gibt hier einen guten Überblick, wie Recruiting-Gespräche auch per Video richtig gut werden können.

Medientrainings für Sprecher (praktisch: das Üben von Interview-Situationen lässt sich im Videomeeting per Knopfdruck aufzeichnen, niemand muss mehr Film-Equipment mit auf Reisen nehmen), Planungsmeetings mit unseren Kunden, Pitches über Video, interne Besprechungen etc. – das funktioniert auch für uns als Agentur digital sehr viel besser als erwartet. Ja, die sozialen Kontakte, das Zwischenmenschliche, das vermissen wir sehr. Aber auch wir werden unsere Reisen in Zukunft sehr viel bewusster planen, angesichts der sehr guten digitalen Alternativen.

Business-Fernsehen auf LinkedIn

Apropos LinkedIn: Diese Plattform spielt in vielen Gesprächen mit Kunden und potenziellen Neukunden gerade eine noch größere Rolle als sonst. LinkedIn hat inzwischen mehr als 14 Millionen Mitglieder im deutschsprachigen Raum uns ist somit zu einer unglaublich wichtigen Marketing- und Sales-Plattform geworden. In Zeiten, in denen Lead Generation auf Messen und Konferenzen wegfällt, steigt die Bedeutung dieses digitalen Marktplatzes.

Und LinkedIn bietet viel, um Unternehmen bei dieser Herausforderung zu helfen: Da sind die klassischen Werbemöglichkeiten, um neue Kunden auf sich aufmerksam zu machen oder Leads zu generieren, der Sales-Navigator für Vertriebsteams, die Publishing-Möglichkeiten für alle Mitglieder – da sind aber auch neue Möglichkeiten, mit denen Unternehmen nun experimentieren. Am interessantesten finde ich ein Feature, das sich noch in der Testphase befindet: das Live-Video-Format.

„LinkedIn Live“ ist ein relativ neues Feature, das sich noch in der Testphase befindet. Nicht jeder kann sofort loslegen und Live-Events anbieten. LinkedIn will zu Beginn vor allem aktive Mitglieder als Hosts gewinnen, die möglichst regelmäßig Veranstaltungen durchführen. Deshalb müssen sich Interessierte im Moment noch um eine Freischaltung bewerben. Hier ist der komplette Prozess beschrieben. Das Charmante am Format ist aus meiner Sicht, dass kein Medienbruch stattfinden muss – das potenzielle Publikum befindet sich schon auf der Plattform.

Nutzerfreundlichkeit schlägt Datenschutz?

Einer der großen Wettbewerbsvorteile für Deutschland in der Welt sind unsere Datenschutzregeln. Die von Deutschland maßgeblich mitentwickelte EU-DSGVO ist inzwischen zum globalen Exportschlager geworden. Globale Giganten wie Google siedeln Datenschutzzentren in München an, weil sie dem Motto folgen „Wenn wir hier compliant sind, sind wir es überall auf der Welt“. So weit, so gut. Datenschützer haben aber auch ihre Kritiker, vor allem unter Verbrauchern. Im Namen des Datenschutzes werden Kompromisse bei der Nutzerfreundlichkeit eingegangen oder manche digitalen Angebote ganz verhindert.

Hunderttausende Menschen klicken jeden Tag ohne große Begeisterung Cookie- oder Datenschutzhinweise weg, um Online-Artikel lesen zu können. Hunderttausende suchen nach ihrem Impfpass, den letzten Röntgenbildern, faxen Rezeptbelege an Krankenkassen, weil Bedenken rund um persönliche Daten ein übergreifendes digitales Gesundheitswesen bislang ausgebremst haben. Telemedizin? Langsam, Datenschutz muss „absolut“ dicht sein! (Online ist nichts „absolut“ dicht.) Digitales Bezahlen? Nicht anonym. Online-Behörde? Gläserner Bürger! Behörden und Polizei, die bürgernah über Facebook und Twitter kommunizieren? Besser nicht! COVID-19-Kontakt-App, die Leben retten könnte? Nur, wenn an die Privatsphäre der Nutzer gedacht wird. Niemand will den Überwachungsstaat – könnte es aber sein, dass Datenschützer in einigen Bereichen übers Ziel hinausschießen und wichtige Innovationen ausbremsen?

In Zeiten der Kontaktsperre müssen Menschen sehr viel mehr auf digitalem Wege erledigen und vermissen nun schmerzlich die Angebote, die es längst geben sollte. Effekt: Nutzer schlagen Warnungen der Datenschützer in einigen Fällen in den Wind und setzen beispielsweise auf nutzerfreundliche Kommunikations- oder Video-Lösungen, einfach, weil es wichtiger ist, mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben – oder sich auch im Business von Angesicht zu Angesicht auszutauschen. Vielleicht setzt sich auch bei Datenschützern im Zuge der Krise die Erkenntnis durch, dass wir eine nutzerfreundliche, digitale Infrastruktur benötigen, um als Gesellschaft in Fällen wie diesen effizient weiterfunktionieren zu können. Ein Absolutheitsanspruch an IT-Sicherheit und Datenschutz lassen sich damit nur schlecht vereinbaren.

Silos mit ganz dünnen Wänden

Back to Business… noch ein Gedanke zu einem nun boomenden New-Work-Tool, welches das Potenzial hat, Unternehmen nachhaltig zu verändern: Slack. Wie oft wird in Unternehmen davon gesprochen, „Silos endlich einreißen“ zu wollen und agiler und flexibler zu arbeiten? Und wie selten wird das zur Realität? Slack und ähnliche Collaboration-Tools können diesen Transformationsprozess definitv beschleunigen.

In Slack hat jeder genau die Personen und Gruppen in einem einzigen Dashboard, die für die eigene Arbeit wichtig sind. Klassische Hierarchien treten in den Hintergrund – die gemeinsame Aufgabe, der Kunde, das Neugeschäfts-Projekt, die Marketing-Kampagne etc. stehen im Vordergrund. Über Schnittstellen lassen sich Projektmanagementtools, Videomeetings etc. integrieren – all das, was gerade für die Erfüllung der konkreten Aufgabe nötig ist.

Birgt diese Art zu arbeiten nicht das Potenzial, ganze Organisationsstrukturen nachhaltig zu verändern? Wenn eine kritische Masse von Mitarbeitern auf diese Art und Weise Aufgaben erledigt? Verändern sich hier gerade Strukturen, die über viele Jahrzehnte wie in Stein gemeißelt erschienen? Löst eine smarte Technologie hier gerade einen Kulturwandel aus? Wir werden sehen – die Wände der Silos sind auf jeden Fall dünner geworden.

Selbst wenn der große Wurf noch länger auf sich warten lässt – auch die Alltags„features“ der neuen Tools scheinen durchaus zum Nachdenken anzuregen, was althergebrachte Arbeitstraditionen wie Endlosmeetings betrifft…

 

 

* Zoom ist seit kurzem Hotwire-Kunde. Wir verwenden den Video-Meetingdienst aber schon sehr viel länger, etwa seit zwei Jahren.

 

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Passend zum Thema des Artikels hat Hotwire hier eine Sammlung von Texten, Hilfestellungen, Tipps und Insights zusammengestellt, die Unternehmen bei der Bewältigung der Coronakrise helfen sollen.

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